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- 23.11.2011: Wladimir Solowjow/Elena Klepikowa: Der Präsident, Boris Jelzin - eine politische Biografie
- 17.10.2011: Krzysztof Meyer: Schostakowitsch
- 21.9.2011: Fritz Zorn: Mars
- 21.9.2011: Peter Noll: Diktate über Sterben & Tod
- 17.9.2011: Claudio Magris: Donau
- 17.9.2011: Norman. G. Finkelstein: Die Holocaust-Industrie
- 17.9.2011: Johannes Willms: Stendhal
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Wladimir Solowjow/Elena Klepikowa: Der Präsident, Boris Jelzin - eine politische Biografie
23.11.2011 von mArtinus.
Mein Anliegen , eine Biografie über Boris jelzin zu lesen, lag in erster Linie darin, ich wollte wissen, wie das mit den Tschetschenien-Kriegen begonnen hatte, die dann von Wladimir Putin weitergeführt wurden. Diese Biografie, die in erster Linie eine politische Biografie ist, hebt hervor, dass Boris Jelzin völlig anders war, als seine Vorgänger. Schon seine Taufe war ungewöhnlich. Der Pope war betrunken und tauchte Boris in einem mit Wasser gefüllten Zuber, vergaß aber , ihn wieder herauszunehmen. In ihrer Geistesgegenwärtigkeit holte die Mutter den kleinen Boris, bevor er ertrinken konnte, aus dem Wasser. Durch diese Lebensrettung konnte Boris Jelzin später zum ernstzunehmenden Rivalen Gorbatschows werden und das russische Volk bekam seinen Helden und Verteidiger.
Gorbatschow holte ihn nach Moskau. Vom 24.12. 1985 bis zum 13. November 1987 war er Erster Parteisekretär im Kreml. Mit seinen Reformen verärgerte er Gorbatschow. Jelzin war ganz anders, als die Ersten Parteisekretäre vor ihm. Er verzog sich nicht hinter die Mauern des Kremls, sondern benutzte öffentliche Verkehrsmittel, tauchte unerwartet in Fabriken und Betrieben auf, gab Pressekonferenzen, beantwortete geduldig alle Fragen. Jelzin gefiel „sein Image als Einfaltspinsel vom Lande“ (Seite 39). Im Ural ist er geboren, in Swerdlowsk. Populismus wurde ihm vorgeworfen, weil er sich offenbar die Beliebtheit des Volkes auf der Straße holte. In den Warteschlangen vor den Geschäften stand er geduldig wie andere Moskauer auch. Moskau war damals „ein Augiasstall der Korruption, des Diebstahls und der Vetternwirtschaft (Seite 44) und „Jelzin, groß, stämmig, mit festem Schritt und physischem Durchhaltevermögen, mit unermüdlicher Energie und leicht aufbrausend,“, sollte den Augiasstall ausmisten. Er wollte die Probleme Moskaus lösen. Die problematische Wohnsituation vieler Moskauer, z.B. hausten 28000 Bürger in Bretterbuden, das Energieministerium war in der Kirche untergebracht, in der Puschkin getraut worden war. Diese Behörde sollte nun verlegt werden, eine 60 km lange U-Bahnstrecke sollte entstehen usw. Seine Ziele waren sehr groß, aber in den achtzehn Monaten seiner Amtszeit konnte er all das nicht schaffen. Die Liste seiner Vorhaben war sehr lang. Am Ende war er ein Ausgestoßener.
Jelzin war als Moskauer Parteichef Mitglied des Politbüros, allerdings nur als Kandidat ohne Stimmrecht. Hätte er seine Beliebtheit nicht verspielt, wäre er Vollmitglied mit allen Sonderprivilegien geworden. Diese Privilegien wollte er allerdings abschaffen, z.B die gepanzerten SIL-Limousinen, die vom Volk als „Särge“ bezeichnet wurden. Wenn so ein Sarg an eine Ampel kam, wurde sie auf grün geschaltet. Das Landei Jelzin konnte sich mit so etwas nicht anfreunden, er wollte auch die Datscha nicht, die Gorbatschow ihm überlassen wollte. Er lehnte alle Sonderrechte ab.
Zitat von Solowjow/Klepikowa
„Er war der einzige russische Herrscher, der es bis auf die Spitze des Eisberges geschafft hatte und dann wieder hinunter ins Tal abgestiegen war, ganz aus freien Stücken. Das war sein größter Bruch mit der alten Kremltradition.“
(Seite 55)
Usus war, man geht erst wenn man stirbt oder ausgestoßen wurde. Mit Jelzins Kampf gegen Privilegien wuchs das Missvergnügen in hohen Parteikreisen. Er wurde zum Rebell gegen Gorbatschow. Die Rivalität zwischen ihnen hatte persönliche und politische Gründe und begann, als Gorbatschow die Kontrolle seiner eigenen Revolution verlor. Er speiste seinem Kopf mit der fixen Idee, Jelzin sei am allen Schuld, was immer auch geschah. Außerdem drohte Gorbatschow an ihm den Rang an Beliebtheit beim Volk zu verlieren.
Boris Jelzin war der erste und ich denke, bisher der einzigste, der gegen die Kremlbonzen rebellierte. Am 21. Oktober 1987 hielt Jelzin eine vierminütige Rede, die nicht nur für ihn, sondern für das ganze Land Folgen hatte. Es kursierten diverse Gerüchte, was Jelzin an diesem Morgen wohl gesagt haben mag. Erst achtzehn Monate später wurde diese Rede veröffentlicht. Wir bekommen sie in dieser Biografie auch nicht gleich aufgetischt, sondern erfahren erst die Reaktion des Kreml-Areopags (Im Kreml wird alles protokolliert, die Quellen werden als Zitat aufgetischt). Das ist von den Autoren dieser Biografie bewusst so angelegt. Lasse man den Leser doch etwas warten, die Weltöffentlichkeit musste damals auch warten, bis sie die Rede zu lesen bekam. Ein herrlicher Trick. Immerhin ist ein Auszug dieser Rede abgedruckt, natürlich hätte ich diese gerne vollständig gelesen. Jelzin kritisierte u.a. die Bummelei in Sachen der Umsetzung der Perestroika. Das war natürlich ein Angriff auf Gorbatschow. Die Reformen wurden zu lahm umgesetzt, sodass auch die Bevölkerung den Glauben daran zu verlieren drohe. Die erste wichtige Konsequenz, die ich aus dieser Biographie zu ziehen habe, ist die, dass, wenn wir an die Perestroika denken, neben Gorbatschow auch Jelzin im Auge behalten müssen. Damals, um 1990, ich kann mich noch daran erinnern, dass nur Gorbatschow im Mitelpunkt des Weltintereses war.. Gorbatschow bekam auch den Friedensnobelpreis und Boris Jelzin wurde der erste postsowjetische Präsident Russlands. Ein Wunder, denn 1988 wurde er erst einmal seines Amtes im Kreml enthoben. Man wollte ihn loswerden, doch er kam zurück, 1989 in den Kongress der Volksdepurtierten. Was für eine mutige, an sich markante unübersehbare Persönlichkeit.
In unserer Biographie folgt ein siebzigseitiges Kapitel, in dem die unterschiedlichen Charaktere Jelzin/ Gorbatschow dargestellt werden. Zeitweise hatte ich den Eindruck ich lese eine Doppelbiografie, aber der Schwerpunkt wendet sich schließlich doch auf Boris Jelzin. Beide haben den gleichen Jahrgang und kommen vom Lande. An den beiden hätte Plutarch seine Freude gehabt. Der Verdienst dieser Biographie liegt auch darin, dass die Autoren den westlichen Leser vor Augen führt, dass Gorbatschow in den Jahren des Übergangs, 1990/91 von den Moskauer Bürgern sehr kritisch gesehen wurde. Boris Jelzin war viel beliebter. Das hatte folgenden Grund:
Es ging die Angst herum, eine Diktatur könne sich festigen. Während die künftigen baltischen Staaten schon eine Richtung zur Demokratie einschlugen, indem die Zentralisierung einer Partei aufgegeben wurde, war es in Moskau umgekehrt der Fall. In der Umsetzung der Demokratie war Gorbatschow viel zu zögerlich, und man konnte sogar einen Rückschritt zur Festigung der Diktatur beobachten. Im Herbst 1990 baute Gorbatschow seine Macht mit zusätzlichen Vollmachten im Kreml aus. Aus Protest trat Eduard Schewardnadse als Außenminister zurück. Er sagte aus:
Zitat von Schewardnadse
„Eine Reform geht zum Teufel! Eine Diktatur wird kommen. Ich erkläre das mit voller Überzeugung. Niemand weiß, was für eine Diktatur das sein wird, wer der Diktator ist und wie sein Regime aussieht.“
(Seite 288).
Einen Monat vorher kritisierte Schewardnadse Gorbatschow intern wegen des Massakers, welches russische Panzer in der litauischen Hauptstadt angerichtet hatten. Gorbatschow gab sich daraufhin unschuldig. Dazu sei von mir bemerkt, Gorbatschow bekam 1990 den Friedensnobelpreis für die Beendigung des Kalten Krieges und für seinen Beitrag für die Deutsche Einheit, nicht aber für die Zustände in der Sowjetunion. Am 19. August gab es gegen Gorbatschow den Putsch, der damals durch die Weltpresse ging.
Die Autoren dieser Biografie erweisen sich als detaillierte Kenner sowjetischer Verhältnisse. Sie selbst sind aus der Sowjetunion emigriert, und unternahmen in der Zeit zwischen Frühling 1990 und Herbst 1991 drei Reisen in die Sowjetunion, um dieses Buch schreiben zu können. In den USA hatten sie Kontakte zu Moskauer Freunden. Aufgrund der politischen Ereignisse im August 1991, mussten die Autoren, deren Biographie schon zur Hälfte geschrieben war, ihre Arbeit unterbrechen und feilten an der Einleitung dieser fantastischen Biographie. Den Autoren gelingt es, tief hinter die Kremlmauern zu schauen, was für mich etwas ganz besonderes war, denn noch niemals war ich so tief in der Sowjetunion drin, wie in diesem hervorragendem Werk. Gegen Ende des Buches, die Autoren standendamals unter Zeitdruck, denn der Termin zur Veröffentlichung des Buches kam immer näher, geben die Autoren eine ausführliche Analyse des Putsches und deren verworrende Hintergründe.
Zu Beginn dieser Buchbesprechung habe ich über meine Motivation gesprochen, eine Jelzin-Biographie zu lesen, um zu erfahren, warum Boris Jelzin mit den Tschetschenien-Kriegen begonnen hat. Diese Antwort muss mir ein anderes Buch geben, denn diese Biografie schließt mit dem Jahre 1991. Über dem letzten Kapitel lesen wir ein Zitat des römischen Historikers Livius, was ohne weiteres auf Jelzin ebenso zutrifft wie auf Hannibal:
„Hannibal, du verstehst zu siegen, aber wirst du deinen Sieg auch nutzen können?“
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Krzysztof Meyer: Schostakowitsch
17.10.2011 von mArtinus.
Diese Biografie des Komponisten Krzysztof Meyer, in Krakau geboren, seit 1987 Professor für Komposition an der Musikhochschule in Köln, ist erstmals 1972 erschienen und wurde 1998 überarbeitet. Über 500 Seiten lang erzählt Krzysztof Meyer über das Leben und die Musik des sowjetischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch, den ich gerne als letzten großen Klassiker der Musikgeschichte bezeichne. Im Vorwort erklärt Meyer von den Schwierigkeiten, einer Biografie über Schostakowitsch zu schreiben, denn der Zugang zum Quellenmaterial war schwierig oder auch gar unmöglich. Ohne politischer Zeit – und Kulturgeschichte kann sich mit Schostakowitsch nicht beschäftigt werden, denn er war sehr tief in der Sowjetunion verankert, er war verstrickt mit der politischen Führung im Kreml, die von dem Komponisten und von allen sowjetischen Komponisten forderte, für die Sowjetunion zu komponieren und nicht dagegen. Die Kremlführung wollte Macht und Kontrolle über Künstler haben. Manche Komponisten wurden, damit sie nicht weiter verfolgt wurden, dazu verdammt, nur noch russische Volksliedbearbeitungen o.ä. zu schreiben. Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wurde in dem Artikel „Chaos statt Musik“ in der Prawda vom 28.01.1936 dem Erdboden gleichgemacht. Natürlich sind solche Vorwürfr bodenloser Unsinn. Die Sowjetbonzen, das zeigt diese Biografie auch, hatten keine Ahnung von Musik und Kunst. In dem Artikel steht drin, die Musik verneine die Oper, der Komponist bediene sich der nervösen, verkrampften und hysterischen Jazzmusik, die Musik gehe auf mangelnde Begabung des Komponisten zurück oder auf das Unvermögen, starke und einfache Gefühle in der Musik auszudrücken, die „Liebe“ werde in der Oper auf ausgesprochen vulgäre Art ausgebreitet, der Komponist soll sich auch nicht um die Erwartungen der sowjetischen Kultur gekümmert haben, er chiffriere seine Musik durch Zusammenklänge, die nur Formalisten und Ästheten interessieren können, deren Geschmack sich schon längst verformt habe usw…
Wenn wir über Schostakowitchs Studienjahre lesen, können wir leicht erkennen, dass sich ein Generationswechsel von Komponisten vollzieht. Glasunow, der Tschaikowski und Rimsky-Korsakoff noch persönlich gekannt hat, vertrug die Modernen nicht. Mit Strawinsky, Prokofiew und den neuartigen Klängen von Schostakowitsch konnte er nichts anfangen, auch wenn er Dimitris Talent erkannte. Ähnlich erging es auch Maximillian Steinberg, Schostakowitschs Lehrer im und Konservatorium.
„Als Schostakowitsch kam und mir seine Aphorismen zeigte, sagte ich ihm, dass ich nichts davon verstünde, und dass mir diese Musik völlig fremd sei.“
Zeitweise musste Schostakowitsch Angst haben, selber verhaftet oder umgebracht zu werden. Künstler in seinem Umkreis fielen dem Stalinterror zum Opfer. Ab 1946 setzte eine harte Welle von Repressalien ein. Alles was aus dem Westen kam, wurde verteufelt: Jazz, Unterhaltungsmusik, Zwölftonmusik als Kakophonie verpönt. Besonders auch Literaten wurden verfolgt. Krzysztof Meyer hat den richtigen Weg eingeschlagen, und schreibt in Extrakapiteln über sowjetische Kulturpolitik. Natürlich dürfen wir nicht denken, Schostakowitsch habe unter dieser Diktatur keine Erfolge gehabt. Das stimmt natürlich nicht. Im Grunde genommen galt Schostakowitsch den Sowjets sogar als Vorzeigekomponist, obwohl, dafür gibt es genügend Hinweise, der Komponist sich niemals der Kremldiktatur unterworfen hat. Das zeigt auch diese Biografie. Schostakowisch befand sich ständig im Kampf, sich nicht völlig unterkriegen zu lassen. Nach dem Sieg in der Schlacht bei Stalingrad, erwarteten die Staatsbonzen eine heitere Symphonie des Sieges, Schostakowitsch aber einer sehr lange Symphonie des Trauers komponierte, die Achte, die zu den größten Meisterwerken des Komponisten zählt. Sie gedachte der Opfer. Die Symphonie Nr. 9, die dann wirklich den Sieg symbolisiert, ist zwar sehr heiter, aber ziemlich kurz. Ale er 1960 quasi mehr oder weniger gezwungen wurde, der Komunisischen Partei beizutragen, vergoss er sehr viele Tränen. Es ist kaum zu verstehen, wie Schostakowisch den Druck durch den Staat aushalten konnte. Immerhin schrieb er seit seit seinen Jüdischen Liedern, 1948, viele Jahre lang nur für die Schublade.
Da Krzysztof Meyer, der Autor dieser Biografie, selbst Komponist ist, erfahren wir über die Musik Schostakowitschs sehr viel. Viele Werke werden beschrieben, und dieses kann auch ohne große Bildung in Musiktheorie gut verstanden werden. Diejenigen, die Musiknoten lesen können, erfreuen sich sicher über die zahlreichen Notenbeispiele. Meyer ordnet ein, welche Stellung einzelne Musikwerke im Gesamtschaffen des Künstlers haben. Meiner Ansicht nach sollte während der Lektüre auch die besprochene Musik gehört werden. Eine gute Chance, sich in diese Musik zu vertiefen, da auch Meyer uns in seinen Beschreibungen einen Zugang zur Musik öffnet. Schostakowitschs Musik ist mal traurig, dann lustig, grotesk, witzig. Das Hörstudium seines Werkes hat mir deutlich gezeigt, dass seine Musik ein reichliches Spektrum von Emotionen ausdrückt. Einige Symphonien und andere Werke kannte ich ja schon, neu hinzugekommen ist besonders meine Aufmerksamkeit auf seine Streichquartette. Auch für Leser, die sich für ein Künstlerleben in der Sowjetunion interessieren, ist die Beschäftigung mit Schostakowitsch unerlässlich. Es ist natürlich verständlich, dass Meyer als Komponist insgesamt genauer über die Musik zu schreiben weiß als über Sowjethistorie. Als Ergänzung bieten sich Bücher des Historikers Kurt Schlögel („Terror und Traum. Moskau 1937“) o.a. an. Wahrscheinlich ist es dem Autoren dieser Biografie nicht anzulasten, dass wir in dieser umfangreichen Biografie verhältnismäßig wenig persönliches über den Autor erfahren. Schostakowitsch war etwas schüchtern, hatte nur sehr wenig intimere Freundschaften, und zeigte sich in manchen Situationen doch etwas merkwürdig, was nicht unbedingt jeder außenstehende verstand. In dieser Hinsicht wissen wir sicher viel mehr über Beethoven, als über Schostakowitsch.
„Sein Verhalten entzog sich einer eindeutigen Beurteilung. Die einen sahen in ihm einen Opportunisten, andere wiederum respektierten sein Verhalten, in dem sie Beweise für eine Ablehnung des sowjetischen Machtanspruchs erkannten. Es gab auch einzelne, die Schostakowitsch für einen typischen russischen Sonderling hielten – einen Menschen, der den Tölpel spielt und unter der Narrenmaske der Welt auf umständliche Weise die Wahrheit sagt, wobei er seine Gedanken absichtlich in raue, farblose und ungelenke Worte kleidet.“
Der Anhang ist vorbildhaft. Neben Werkverzeichnis und anderen Selbstverständlichkeiten finden wir auch Inhaltsangaben der Opern „ Die Nase“ und „Lady Macbeth von Mzensk“.
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Fritz Zorn: Mars
21.9.2011 von mArtinus.
Fritz Zorn ist das Pseudonym eines Züricher Millionärssohnes und Gymnasiallehrers, der in einer konservativ geprägten bürgerlichen Familie aufwächst, an Depressionen erkrankt und mit 32 Jahren an Krebs stirbt. Aus verschiedenen Perspektiven erzählt Zorn von der gekünstelten Harmonie in seiner Kindheit. Vermeidung von Streitgeprächen, die Familie ist immer einer Meinung, d.h. es wird ausnahmslos der Meinung des Vaters gefolgt. Von einem Schulkamerad wird Zorn gefragt, ob er Autos mag. Zorn denkt, er mag Autos und sagt “Ja”. Es stellt sich aber heraus, der Kamerad mag keine Autos. Zorn auch nicht, aber er hatte gelogen. Auf diese Weise die gekünstelte Harmonie der Einigkeit in praktischer Weise ins Absurdum geführt wird, aber Fritz Zorn aus dem Korsett der großbürgerlichen Starrheit nicht mehr herauskommt. Die Themen Religion und Sexualität waren tabu. Die Mentalität von Zorns Eltern kann man nur verlogen und unehrlich bezeichnen, belügen sie Sie sich doch selbst, wenn sie die Kirche für respektabel halten, von Gott aber nichts wissen wollen. Wahrscheinlich liegt dem ein Gesellschaftszwang zugrunde. Andere gehen in die Kirche, also wir dann auch.
„Mein Unglück besteht daraus, daß ich nicht das sein kann, was ich will“ , sagt Zorn.
Zorn weiß wie wichtig Liebe und Sexualität ist und erkennt, dass dies sein größtes Defizit ist. Seine Neurose, die als Depression, und wie er sagt, als „emotionaler Idiotie“ ausbricht, manifestiert sich später in den Krebs. Mich nervt aber dieser pseudomedizinische Esoterikkram Zorns über den seelischen körperlichen Krebs, demnach man Krebs bekomme, wenn man sein Leid in sich hineinfrisst und, weil die Seele schon so sehr Krank ist, könne sie nicht mehr zum Widerstand gegen den Krebs behilflich sein. Diese Wüsteneien spitzen sich dahin zu, dass seine Eltern am Dilemma seines Lebens schuld sind. Seine Jugend im Eimer, weil er nie eine Freundin hatte, sein Erwachsenenalter ebenso geschlechtstrocken. Unfähig für zwischenmenschliche Beziehungen, Depression und Krebs. Die Schuldigen sind die Eltern:
Zitat von Zorn
Jeder neue Tumor, der sich als geballte Ausbuchtung aus meinem glatten Körper hervordrängt, scheint mir aus der Tiefe seines psychosomatischen Ursprungs heraus die ins Teuflische verzerrte Fratze meiner dämonischen „Eltern“ darzustellen,…
Natürlich weiß ich, er sucht Orientierung und Sinn in seinem ganzen Leid, trotzdem, diese Abstrusitäten immer wieder vorgekaut zu bekommen, ist anstrengend. Fantastereien eines Todkranken, verzweifelt einen Halt suchend.
Vermurkst ist sein Exkurs über Liebe, Sex und Freud als Einheitsmixtur und findet auch noch eine Verbindung zum Christentum, dort aber nicht Sex sondern Agapé gemeint ist, außerdem Freud in späteren Schriften eine viel erweiterte Auffassung vom Eros vertrat als Sex, Zorn dies aber nicht wusste, stattdessen er aber weiterhin dauernd sein Minderwertigkeitsgefühl beklagt, welches sich aus seiner Sexlosigkeit ergibt.
Das Buch ist keineswegs aufbauend. Diese scharfe Kritik an seine Eltern, einerseits verständlich, dass seine in gedämpften Niederungen schwelende Emotionen jetzt endlich mal aufbrechen, allerdings letzten Endes doch eine unreife Verarbeitung seines Hasses ist, alles auf seine krebsüblen Eltern zu beziehen. Allerdings ist Zorn durch seinen frühen Tod die Chance verwehrt worden, sein Schicksal sinnvoll verarbeiten zu können. Da er mit seinem Hass natürlich nicht weiterkommt, dreht er sich im Kreise herum, wurstelt in seinen Problemen herum, findet in dem gewurstele keinen Ausgang mehr. Auch wenn ich noch zwanzig Seiten zu lesen habe, kann ich schon jetzt dieses Buch niemanden weiterempfehlen, weil zumindest ich keinen Sinn daraus ziehen kann, einen Menschen zu belesen, der ständig nur im Irrgang seines Hasses verweilt. Natürlich blinkt Mitgefühl, schließlich möchte man so einem Menschen helfen, aber durch seine Imkreisedreherei treibt er mich als Leser nur in Abgründe der Hilfslosigkeit mit dem Wissen, das Leid war irgendwann doch mal vorbei. Am 2. November 1976. †
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Peter Noll: Diktate über Sterben & Tod
21.9.2011 von mArtinus.
Dem Schweizer Juristen Peter Noll, Freund von Dürrenmatt und Frisch, wird Blasenkrebs diagnostiziert. In einem Tagebuch vom 28. Dezember 1981 - 30. September 1982 lesen wir seine „Diktate über Sterben & Tod“, doch sie enthalten viel mehr, politische Ansichten, philosophische und religiöse Überlegungen, wir erfahren, dass Trotzki die Atomenergie vorausgesagt hat und Johann Peter Hebel ein Gedicht über die Vergänglichkeit geschrieben hat, darin wir lesen können, wie Basel nach einem Atomkrieg aussieht. Goethe habe im Zauberlehrling die Unbeherrschbarkeit der Technologie vorausgesehen. Es wandelt sich die Aussagekraft von Gedichten im Wandel der Zeiten. Jedes Jahrhundert hat seinen eigenen Blick.
Wie sieht es nun mit dem Blick auf den Tod aus? Weiterleben um jeden Preis? Peter Noll steht die Menschenwürde an erster Stelle.
Zitat von Peter Noll
Ich will nicht in die chirurgisch-urologisch-radiologische Maschine hineinkommen, weil ich dann Stück um Stück meiner Freiheit verliere.
Also keine Operation. Sein Tod solle zelebriert werden, die Gemeinde solle sich mit dem Tod auseinandersetzen. „Nichts soll vertuscht, nichts verharmlost werden, auch den Ausweg der Verdrängung möchte ich versperren.“ Peter Noll legt den Finger in die Wunde christlicher Gläubigkeit, die meist zu verhöhnender Gelegenheitsgläubigkeit verschrumpft ist.. „Wir alle kommen ja nur noch zu Beerdigungen in einer Kirche“, ( man könne hier ergänzen, evtl. noch zu Trauungen), so wird Christentum nicht gelebt, sondern nur gestorben, im letzten Atemzug noch überlegt, vielleicht gibt es doch ein ewiges Leben oder die schwierigste Christenfrage „Was ist Auferstehung?“ - Jesus ist physisch auferstanden, es gebe doch Zeitzeugen, trotzdem, ich weiß, mein Körper verwest doch – hier könnt ich endlos weiterspinnen, aber genau das meint doch Peter Noll. Wir gehen in die Kirche, hören eine Predigt, die schön ist, und am Montag wird wieder gesündigt. Die Praxis des Christentums ist unausgegoren.
Zitat von Peter Noll
Die Exaktheit der Diagnose hat, verglichen mit der Ungewissheit des therapeutischen Erfolges, etwas Absurdes….Der Tumor hat die Blasenwand völlig durchwachsen, und so wie man Tumore eben kennt, will er weiterwachsen.
Noll liest „Mars“ von Fritz Zorn, über einen jungen Mann, der über seine Krebserkrankung schreibt, mit 32 Jahren stirbt. Das Buch ist genau das Gegenteil von dem uns vorliegenden Tagebuch. Zorn, hier passt der Name, schreibt voll Hass und Zorn, offenbar auch über seine bisherige Vergangenheit völlig verbittert. Dieses Buch zu lesen, wäre für mich wahrscheinlich schrecklich. Es ist erstaunlich, wie es Peter Noll gelingt, ein erbauliches Tagebuch zu Papier bringen. Er hat sehr viel zu erzählen, und wenn er über Schmerzen schreibt, dann labt er sich nicht darin, wie entsetzlich das ist, im Gegenteil, er schreibt ziemlich nüchtern:
Zitat von Peter Noll
Meine Schmerzen sind jetzt da, stumpf und schwer, aber ich kann nichts über sie aussagen, weil ich mich auf keine fremde gleichartige Erfahrung berufen kann.
Im Gegensatz zum Tier kann unser Gehirn an den „Tod“ und an „Gott“ denken. Trotz dieser Besonderheit werden diese Gedanken heutzutage gerne verdrängt. Wir sind den Schimpansen ähnlich, lesen wir, schauen uns den toten Verwandten kurz an , befühlen ihn und wenden uns ab. Für Freunde wäre es einfacher, ein Krebspatient liege im Krankenhaus, schon abgeschoben, vielleicht verabschiede man sich noch, das war’s. So beobachtete Peter Noll einen Schwund an Freundeskontakten. Ich denke mir, für einen Kranken ist es doch immer schön, wenn er Kontakte pflegen kann, Freunde unbeschwert auf ihn zu kommen können. Aber es liegt eben in der Luft, Menschen meiden die Berührung mit dem Tod. Ein Krebskranker steht schon mit einem Bein außerhalb unseres Daseins, wohin niemand möchte. „Noch totaler verdrängt ist die Gottesvorstellung“, sagt Noll, auch in meiner Umgebung, so habe ich den Eindruck, laufen mehr Agnostiker und Atheisten herum, obwohl bei religiös-fundamentalistischen o.ä. Richtungen heute eher ein Zulauf zu beklagen ist (Nolls Tagebuch erschien posthum 1984). Noll hat die Begabung sehr feine kompakte Zitate an den Mann zubringen, die sich für mehr noch als nur für Kalenderblätter eignen. Drei Beispiele:
Zitat von Peter Noll
Das Gehirn denkt Gott. Das heisst nicht, dass es ihn geben muss, das heisst aber zwingend, dass die Frage nach ihm unabweislich und dass der empirische Positivismus eine lahme Ente ist.
Zitat von Peter Noll
Die Bedürfnislosigkeit macht freier als die Erfüllung aller Bedürfnisse.
Zitat von Peter Noll
Der Todkranke, der sich der medizinischen Apparatur übergeben hat, ist wirklich hilflos, weil die Hilfe, die er bekommt, kalt ist.
Überrascht war ich, als Peter Noll über Hoimar von Ditfurth’s Buch „Wir sind nicht nur von dieser Welt“ erzählt. Das Buch vermittelt „die Idee,“ so Noll, „die Evolution der Welt sei die noch im Gange befindliche Schöpfung und ihr Ende münde ins Jenseits, wo der Geist herrsche, ist imposant und plausibel.” Das ist famos und erinnert mich an Ken Wilber „Halbzeit der Evolution“. Von Hoimar von Ditfuth habe ich „Am Anfang war der Wasserstoff“ gelesen und wusste gar nicht, dass der Autor spirituell veranlagt ist. Das Buch strahlt von Optimismus, Peter Noll gibt hier einen leichten Dämpfer, denn er weist darauf hin, der Autor verschweige schamhaft, „dass das Gesetz der Evolution, jedenfalls auf dieser Erde zur Vernichtung führen wird.“ Ich denke, Noll hat das Wettrüsten der Atommächte im Hinterkopf. Nun, unseren blauen Planeten gibt es heute noch.
Epilog
Was bringt es, sich zu verewigen, sei es in Weltliteratur, Musikgeschichte oder Kunstgeschichte. Falls man „nach dem Tode in irgendeiner Form als dieselbe Persönlichkeit weiterlebt“, kann dieses doch egal sein. Der Drang nach Verewigung, so Noll, setze voraus, dass man an eine Existenz nach dem Tode nicht glaube. Der Autor schließt in dieser Hinsicht allerdings die magischen Vorstellungen der Alten Ägypter aus, für die das Jenseits nur ein verlängerter Arm des Diesseits gewesen war. Die „Diktate über Sterben & Tod“ sollen nicht von Ewigkeitsvorstellungen geleitet sein, nur davon, der Leser möge „sich mit Sterben, Tod und Jenseitsvorstellungen schon im Leben auseinandersetzen“. Die Bewusstheit, das Leben ist begrenzt, hat für den Autoren dieser Diktate einige Vorteile verschafft. Die Sinnoasen suche er sorgfältiger aus, manches werde zur Sinnoase, wofür er früher achtlos vorbeigegangen sei. Unwichtiges wird beiseite gelassen, er konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das, was wirklich noch wichtig ist. Ich denke, Menschen, die sich in ähnlicher Situation befinden, geht es ähnlich wie Herrn Noll. Unser aller Leben ist begrenzt. Wenn wir das Bewusstsein haben, der nächste Atemzug könne unser letzter sein, dann wären wir Menschen wirklich in der Gegenwart angekommen und würden uns keine Gedanken oder Sorgen um den nächsten Tag machen. Vor der Lektüre habe ich nicht wissen können, welche Freude mir dieses Buch schenken würde.
PS: Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch - hierin schreibt er über den Tod seines Freundes.
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Claudio Magris: Donau
17.9.2011 von mArtinus.
Im Jahre 2009 erhielt Claudio Magris den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. An dieser Stelle möchte ich sein kulturhistorisches Werk “Donau” in Auswahl vorstellen, d.h. ich wähle nach eigenem Belieben Kapitel und Teile aus, die ich besprechen will, da eine vollständige Besprechung den Rahmen dieses Blogs sprengen würde. Wenn ich einen Eindruck des Buches vermitteln kann, bin ich schon glücklich.
Die Aufteilung in drei Teilen stammt von mir:
I Deutschland
II Österreich/Slowakei/Ungarn
III Balkan
I Deutschland
Es ist selbstverständlich, daß ein Buch über die Donau an der Donauquelle beginnt. Doch, wo ist die Quelle? Die Quelle der Donau entspringt bei Donaueschingen. „Seit der Zeit des Kaisers Tiberius wird jenes Rinnsal, das aus einem Hügel hervorquillt, als die Donau gefeiert; und darüber hinaus vereinigen sich in Donaueschingen zwei kleine Flüsse, die Breg und die Brigach, die…dort, wo sie zusammenfließen, den Beginn der Donau bilden.“ Doch es gibt auch eine andere Theorie, die des Herrn Doktor Ludwig Öhrlein, der an der Quelle der Breg bei Furtwangen ein Schild aufstellen ließ, diesen Ort als die Quelle der Donau bezeichnet, „und hier wird präzisiert, daß die letztere von allen übrigen Zuflüssern die am weitesten vom Schwarzen Meer entfernte sei,…” Doch damit nicht genug. Doch damit nicht genug, schon in der Antike schwirrten Vermutungen und Untersuchungen, wo denn die Quelle sei, darüber schrieben auch berühmte Autoren wie Herodot, Strabon, Cäsar, Plinius, Ptolemäus, Erasthostenes. Der eine schrieb, die Quellen der Donau entspringen aus dem Harz, ein anderer meinte, bei den Hyperboreern, oder auch in den Pyrenäen usw. Der Fantasie wurden keine Grenzen gesetzt. In Immedingen verschwindet die Donau in Felsspalten und tritt vierzig Kilometer als die Ach wieder zum Vorschein, fließt in den Bodensee, dann in den Rhein. Magris schlussfolgert, die Donau sei zum Teil ein Nebenfluss des Rheins und münde eher in die Nordsee als ins Schwarze Meer. Wo denn die Donau nun herkommt gipfelt in der außerordentlichen Kuriosität eines gewissen Amedeo, „renomierter Sedimentologe und geheimer Historiograph von Mißverständnissen“, über den wir leider sonst nichts erfahren, die Donau komme aus einem Wasserhahn. Magris hat den Wasserhahn nicht gefunden. Die Donauquellen, so rätselhaft wie die des Nils.
Die Kapitel über Martin Heidegger („Die Mesner von Meßkirch“) und Louis Ferdinand Céline ( „Die Führerin von Sigmaringen“) sind für mich sehr schwierig gewesen, weil ich um ihre Lebensbiographien nichts weiß. Hier ist man wirklich auf Sekundärliteratur angewiesen.
„Das faschistische Mißgeschick Heideggers ist kein zufälliger Unglücksfall gelesen“ schreibt Magris, warum, dass wurde für mich in dem zusammengerafften Kapitel nicht ersichtlich. Im Kapitel darauf schreibt Magris über Célines Flucht auf das Schloss Sigmaringen, dass Schloss der Hohenzollern, auf das die Mitglieder der Vichy-Regierung geflüchtet sind, geflüchtet vor den Alliierten. Céline schreibt darüber in seinem Buch „Von einem Schloß zum anderen“.
Über Célines (restlos vergriffenes) Buch „Die Judenverfolgung in Frankreich“ schreibt Magris, es sei das erschreckendste seiner Bücher.
Zitat von Claudio Magris
Es ist der langatmige und langweiligste Gefühlsausbruch eines Kleinbürgers und Ladenbesitzers, der sämtlichen Vorurteilen seiner verarmten und desorientierten Schicht anhängt, doch ist es zugleich eine geniale, verzerrte Momentaufnahme des 20. Jahrhunderts, an der man nicht vorbeikommen wird. Der vom Haß getrübte, bisweilen aber auch geschärfte Blick Célines entlarvt die frenetische Betriebsamkeit der Kulturindustrie und erkennt in ihrer sterilen, kalten Aufregung, in ihrer fortwährenden, hektischen vorzeitigen Ejakulation, ein Potential dumpfer Gewalttätigkeit. Diese fieberhafte Mobilisierung, die gebieterisch das Individuum zu den Symposien, Debatten und Interviews abkommandiert, ist die Hysterie eines überfüllten Zimmers, einer Welt, an der an allen Türen dass Schild hängt. „Alles belegt.
Dieses Zitat soll als Beispiel stehen, für Magris’ teilweise hochintellektuellen überbordeten Stils, betont auf teilweise, denn es gibt genügend weitaus leichtverdaulichere Stellen im Donaubuch. Dieses Zitat sollte nicht abschreckend wirkend.
Schließlich noch, Louis Ferdinand Célines Meisterwerk „Reise ans Ende der Nacht“ sollte unbedingt gelesen werden. Alles andere, über seinen Antisemitismus usw., ist sicher nur etwas für speziell Interessierte.
Man merkt dem Text oftgenug eine Bildungslastigkeit an. So manche Inhalte hätten auch lesbarer gestaltet werden können. Das Kapitel über „Grillparzer und Napoleon“ musste ich mehrmals lesen, um ungefähr zu ahnen, was Magris meint. Jedenfalls habe ich über Grillparzers Drama „König Ottokars Glück und Ende“ in Wilperts Lexikon für Weltliteratur“ nachschlagen müssen und bin dort klüger geworden. In diesem Drama wollte Grillparzer in dem böhmischen König Ottokar II. eine Analogie zu Napoleon sehen, der als tatkräftiger Eroberer in die Tyrannei getrieben wurde. Bei Grillparzer wird er zum maßlosen Machtmenschen. Das Kapitel ist mir vielleicht auch schwer gefallen, weil ich von großer Politik nichts verstehe und mich höchstens für die psychologischen Hintergründe von Machtgier interessiere. Wie nun Magris auf Grillparzer und Napoleon kommt, begründet die Abtei von Elchingen nahe Ulm, in deren Nähe am 19. Oktober 1805 die „Kapitulation von Ulm“ stattfand, „die Übergabe des österreichischen Generals Mack – des >>unglücklichen Mack<<, wie ihn Tolstoi in Krieg und Frieden nennt – an Napoleon.”
Um Macht geht es auch in dem Kapitel über den KZ-Arzt und Menschenfolterer Josef Mengele („Der Kitsch des Bösen“), der in Günzburg geboren ward.Übrigens ein brillianter Aufsatz, in dem Magris klarstellt, dass der Nazismus „ein Höhepunkt, ein unübertroffener Gipfel der Infamie gewesen (ist), die engste Verknüpfung von gesellschaftlicher Ordnung und menschlicher Roheit. Es wäre völlig abwegig“, meint Magris, „hinsichtlich des ständig lächelnden sadistischen Arztes auf pathologische Erklärungen zurückzugreifen, so als wäre er ein Kranker, den ein unbezwinglicher Ruptus hinriß.“ Als er sich bis 1949 in der Nähe von Günzburg in einem Kloster versteckt hielt, hat er niemanden seine Augen ausgerissen und keine Leiber zerfetzt. Magris schreibt von der Banalität des Bösen:
Zitat von Claudio Magris
Mengeles Lust zu quälen, sein stupides Lächeln bei der Ausführung seiner Mordtaten..es ist die mechanische, faszinierte Wiederholung einer Art rituellen Formel zwischen dem Refrain eines psychedelischen Lieds und einer religiösen Litanei, das Stammeln eines von Grausamkeit berauschten armseligen Geistes.
Erschreckend ist, dass Verbrecher wie Mengele so grausam gehandelt haben, weil es ihre Umgebung zugelassen hat, weil es quasi erwartet wurde. Keine Krankheit? Zumindest ist doch dieser extrem ausgeartete Sadismus genau das, was wir für das Böse halten. Wenn es im Menschen das Gute und das Böse gibt, möge das Böse lieber übergibst werden, sodass es im Untergrund des Unbewussten erstarrt und sich nicht entfesseln kann.
Claudio Magris war in Regensburg, vor meiner Zeit…Sehr schön hat Magris die nostalgische Seite der Stadt eingefangen. Schon Maximilian I. von Habsburg (1459-1519) sprach von einer Vergangenheit, als er vom Reichtum der berühmten und blühenden Stadt sprach. Heute kommen Touristen nach Regensburg, um sich das alte Gemäuer der Stadt aus der Blütezeit anzusehen. Seit 1663 Sitz des immerwährende Reichstages der Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, darauf die Stadt heute noch Stolz ist. Es hört sich schon tragischkomisch an, wenn wir bei Magris lesen, dass diese Institution damals schon „längst erstarrt und entleert“ gewesen sei. Die Welt über die regiert werden sollte, befand sich längst im Abschwung. Inzwischen hat Regensburg allerdings durch seine Universität den Faden zur Gegenwart gefunden, infolgedessen wir in dieser schönen einst blühenden Mittelalterstadt die größte Kneipendichte Bayerns haben. Das konnte Claudio Magris, als der das Buch schrieb, nicht wissen. In dieser Universtät wird u.v. a. natürlich auch das Mittelalter erforscht. Der Historiker Horst Fuhrmann war von 1971 bis 1994 Präsident der Monumenta Germaniae Historica und Ordinarius für Geschichte an der Universität Regensburg. Im Jahre 2000 veröffentliche er das Buch „Einladung ins Mittelalter“.
Nun sind wir in Passau, am deutschen Ostzipfel der Donau, angekommen, dort, wo die Ilz und der Inn in die Donau fließen. Magris fragt sich dort, ob es wirklich die Donau ist, und nicht der Inn, der dann weiterfließt bis ins Schwarze Meer.
II Österreich/Slowakei/Ungarn
Magris macht uns darauf aufmerksam, dass einige Gedichte aus dem Westöstlichen Diwan von Marianne Willemer stammen, die Goethe in seinem Werk als Suleika besingt. Marianne habe einige Gedichte geschrieben, die zu den besten des Diwan zählen. In der kommentierten Ausgabe von Erich Trunz, kann man nachlesen welche das sind. Geboren ist Marianne Willemer in Linz, dort wo jetzt die Pfarrei von Linz beherbergt ist. Wenn wir die Donau weiter herauffahren, sind wir in Sankt Florian - in der Stiftskirche war Anton Bruckner Stiftsorganist, bevor er 1855 nach Linz kam. In der Zeit in Sankt Florian (1845-1855) komponierte Bruckner ein Requiem, eine Missa Solemnis, Motetten und andere Kirchenmusik. Die Sinfonie, die er „dem lieben Gott“ gewidmet hat, Magris erwähnt sie unter dem Prunk großer oberöstereichischer Klöster, hat Bruckner allerdings nicht in Sankt Florian komponiert, aber weil seine Symphonien z. T. theologisch gedeutet werden, passt diese Musik natürlich hervorragend in diese Welt kirchlicher Frömmigkeit. Mit der „dem lieben Gott“ geweihten neunten Symphonie hat sich Bruckner würdevoll von unserer Welt verabschiedet. Seine Musik kann uns zu tieferen Dimensionen des Hörens führen. Das ist sehr subjektiv, ich weiß…man höre und lausche.
Bruckners und Adalbert Stifters Kunst entstehe aus der Ehrfurcht vor der sanften und idyllischen österreichisch-böhmischen Landschaft, sagt Magris. „Das Leben in den Wäldern entsteht und verändert sich zwar, doch in so langsamen Rhythmen, das es den einzelnen Individuum völlig unbeweglich erscheint…“ Adalbert Stifter werden die langsamen Rhythmen aufgefallen sein. In seinem Nachsommer erreicht er fast einen Stillstand der Handlung. Magris erwähnt Stifters Erzählungen Abdias und Turmalin (enthalten in „Bunte Steine“),um aufzuzeigen, dass hinter der Harmonie der Natur auch das Zerstörerische lauert, die „Grausamkeit des Schicksals“ und der „Verfall der Dinge“. Magris mag diese Erzählungen, weil sie „ohne moralische Predigten und ideologischen Protest“ daherkommen, nur ein stumpes Verwundern hinterlassen. Trotzdem hat mir „Turmalin“ von der Struktur nicht gefallen. Es gibt darin nämlich einen Bruch, einen Wechsel der Erzählperspektive. Die Tragödie finde ich außerdem überzogen. Alles nur weil der Rentherr mal von seiner Frau betrogen worden ist.
Endlich erwähnt Magris mal Kunstmaler. Albrecht Altdorfer (um 1480-1538) hat auf dem Sebastiansaltar von Sankt Florian erschütternde Bilder von der Passion und des Martyrium des Heiligen hinterlassen. In diesen Bildern entflammt der Himmel, „wird eine bestialische, dumpfe Gewalttätigkeit“ gegen die Verurteilten entfesselt. Magris erwähnt das unweit vom Sebastianaltar zu sehende Gemälde von Wolf Huber (1485-1553) zu sehen wie auf Sebastian brutal eingeschlagen wird. Es ist ja bekannt, was für fratzenhafte höllische Gestalten auf christlichen Bilderwerken erscheinen, so bei Huber „ein verblödetes perverses Kind“, welches auf den Märtyrer einschlägt. Gerne würde ich jetzt sehen, ob der Blick des Heiligen noch sanftmütig bleibt. Magris meint, hier schreie dem Beschauer in wilden Farben auch der Wahnsinn der Konzentrationslager (Mauthausen) entgegen. Himmel und Hölle im ehrwürdigen Sankt Florian.
Das Kapitel „Die Türken vor Wien“ widmet sich u.a. einem gegenwärtig sozialem Thema. Wurden die Türken 1683 vertrieben, kommen sie als Gastarbeiter wieder. Magris warnt vor einem „gesellschaftlichen Mechanismus“, dass wegen kultureller Unterschiede und wegen Schwierigkeiten des Zusammenlebens Gewalt hervorgekehrt wird. Man kann Gott sei Dank sagen, dass es dazu nicht gekommen ist. Integration ist aber heute noch ein großes Problem.
Ein ernstes tiefgründiges Kapitel über Kaiserin Elisabeth erwartet uns, jenseits der anmutigen Sissi-Figur, die Romy Schneider verkörperte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob Romy Schneider im Film Gedichte schrieb. Kaiserin Elisabeth schrieb Gedichte um „ihre Unbefriedigtheit in Poesie umzugestalten“. Elisabeth, eine tragische Gestalt, die Sexualität verabscheut „und nur in Sublimierung und in der Abwesentheit lieben kann.“ Wenn man diese Tragik in den Sissi-Filmen berücksichtigt hätte, wäre weniger Kitsch daraus geworden. Vielleicht ziehlte man nur auf Publikumswirksamkeit ab. Regisseur Ernst Marischka war halt meist leichte Muse. Der Kaiserin Gedichte sind Gedichte „der Sehnsucht nach dem, was das Leben nicht ist, aber sein sollte….“ Ihr widerstrebte das Leben als Kaiserin. Sie lebte ein Leben, was gegen ihre eigenen Lebensvorstellungen gerichtet war, darum war sie unglücklich, entfremdete sich von allem und von sich selbst. Wen es interessiert: Brigitte Hamann, die auch eine Biographie über die Kaiserin schrieb, gab ihre Gedichte unter dem Titel „Kaiserin Elisabeth. Das poetische Tagebuch“ heraus. Neugierig gemacht?
Der Philosoph auf den Cäsarenthron – Marc Aurel. Für den ersten Mann im Staate ist Rom die Vaterstadt, für den Menschen Marc Aurel ist es aber das All. Was für eine Demut jenseits des politischen Machtwahnsinns, er, der Imperator, indem er sich dem All unterstellt, fühlt keinen Unterschied zu den anderen Menschen. Seine „Selbstbetrachtungen“ gehören zur großen Weisheitsliteratur der Menschheit. Kurioserweise, oder ist es Ausdruck seiner Demut, hielt er sich nicht für einen großen Schriftsteller, denn, so sagt uns Magris, er habe sich bei den Göttern bedankt, daß er sich nicht zu den Schriftstellern verirrte.
Eine Burg nach dem anderen auf Hügeln und Bergeshöhen in der Slowakei – sie gehören meist nicht zur slowakischen Geschichte, meist herrschten von den Hügeln herab die Ungarn. Die slowakischen Bauern unterhalb der Hügel lebten in bescheidenen Hütten oder in kleinen Häusern aus Brettern, „die mit Stroh und getrocknetem Mist verputzt wurden”. Diese Wohneinrichtungen werden drevenice genannt. Sándor Petöfi (1823-1849), ungarische Nationaldichter, umschreibt den Slowaken in einem Gedicht „als ein Kesselflicker mit roter Nase und verschlissenem Mund.“ Die Slowaken haben eine bedrückende Geschichte, sie waren Verlierer, durch militärische oder politischen Niederlagen ihrer Herrschaftsklasse beraubt. Dass sie Verlierer waren, zeigen auch die Umstände um die 1848er Revolution in Europa. Die Slowaken erbaten bei den herrschenden Ungarn nach mehr grundlegenden Rechten, ungarische Behörden reagierten aber „mit Verhaftungen und harten Repressionsmaßnahmen.“ Mit Gründung der Doppelmonarchie im Jahre 1867 wurden die Slowaken noch mehr unterdrückt, da sie nur „als eine folkloristische Gruppierung innerhalb des ungarischen Volkes“ angesehen wurden. Was für eine Farce. Die Ungarn, die selbst von Fremdherrschaften unterdrückt wurden, hatten die Slowaken unter ihren Fittichen. Man muss Magris dankbar sein, dass er den Lesern der „Donau“ auf diese politischen Verhältnisse bewusst gemacht hat. Welcher durchschnittliche Mitteleuropäer wie ich, kennt schon die Geschichte der Slowakei. Ein vergessenes Land?
Der große ungarische Romancier Mór Jókai (1825-1904) ist geographisch in der heutigen Slowakei geboren. Sein Geburtsort Komárom wird von der Donau geteilt. Der nördliche größere Teil des Ortes liegt in der heutigen Slowakei. Sein Roman – und erzählerisches Werk, dass möchte ich ergänzend erwähnen, umfasste in einer Ausgabe um 1900 120 Bände, Sándor Márai hat eine solche Ausgabe besessen. Als sein Haus 1944 durch den Einmarsch der Nazis in Budapest zerstört wurde, ging auch seine Bibliothek zugrunde. Claudio Magris hat seinen populären Roman „Der Goldmensch“ gelesen. Viele Werke des Autors sind in deutscher Sprache noch antiquarisch zu bekommen. In „Der Goldmensch“ erzählt Mór Jókai eine Donau-Robinsonade, Mihály Timár, reichgeworden und „enttäuscht über seinen zweifelhaften gesellschaftlichen Aufstieg“ findet auf einer unbekannten Donauinsel sein Glück.
In der ungarischen Dichtung wird nicht der „Glanz eines heroischen Ungarn“ gefeiert, sondern sie „denunziert das Elend und das Dunkel des magyarischen Schicksals.“ Petöfi erhebt sich schreibend gegen den Egoismus der Adligen, Endre Ady (1877-1919) schreibt Verse über die „düstere magyarische Erde“. In seinem Gedicht „Die ungarischen Erlöser“, welches Magris auch gelesen hat, spricht er von Tränen, die hier (in Ungarn) salziger sind und die Schmerzen größer als woanders, „da sie sterben würden, ohne jemanden erlöst zu haben“(eine Auswahl Adys Gedichte findet der Interessierte in Endre Ady: Gedichte, Ausgewählt und eingeleitet von László Bóka, Verlag Volk und Welt, Berlin 1965). Der Lyriker Attila Jószef fühlt sich „an den Rand des Universums“ versetzt. Die Dichtung spricht vom Leid des Volkes, von der Schlacht bei Mohacs (1526) bis hin zur Revolution 1956. Die Ungarn fühlen sich als Verlierer, in der Geschichte wurden sie geschlagen, mussten Fremdherrschaften überstehen (Osmanen, Habsburger Monarchie, Verlust von zwei Drittel ihres Staatsgebietes durch den „Friedensvertrag von Trianon“, 1920 u.a.). Trotz der historischen Tragödien sieht Magris in Ungarn nicht eine vergessene Provinz. Die Ungarn haben, wie wir gesehen haben, die Slawen unterworfen, auch die Rumänen. Sie traten also durchaus auch beherrschend auf.
Wer wirklich einen Einblick in die Historie Ungarns gewinnen will, dem empfehle ich das gut lesbare Standardwerk von Paul Lendvai: Die Ungarn, eine tausendjährige Geschichte, Goldmann-Taschenbuch. Ich habe mich in Magris’Ungarnkapiteln oftgenug geärgert über schwerlastende Ausdrucksweise des Literaturwissenschaftlers, ohne gewisse Vorkenntnisse wird vieles schwer fassbar. Darum meine Empfehlung der Lektüre von Paul Lendvai.
Doch, doch, einige Kapitel im Donaubuch glänzen, so auch das über kroatischen Schriftsteller Miroslav Krleža (1893-1981). Krleža schildert in seinen Werken die pannonische Welt, über die Volker und Kulturen zwischen Budapest und Zagreb. Das Zentrum seines umpfangreichen Werkes beschäftigt sich mit dem Verfall der Welt des 19. Jahrhunderts. Dieses Kapitel hat mich sehr neugierig auf den Autoren gemacht. Einige Werke sind ja in deutscher Sprache erhältlich. Sein Drama „Die Glembays“ erzählt vom versinken des österreichisch-ungarischen Adels im pannonischen Schlamm. Der Roman „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ wurde von Sartre geschätzt, „der darin eine Parabel auf die Krise der individuellen Identität erkannte…“
“Eine Violine in Mohács”, hier spielt sie nicht lustige Zigeunerweisen, sondern melancholiert über das Trauma Ungarns, über die verlorene Schlacht gegen die Türken (1526). Für 400 Jahre ging der souveräne ungarische Staat zugrunde, er wurde ein Spielball zwischen Türken und Habsburgen, Ungarn ein Tummelplatz für Kriegsschlachten. Das nur als kleine Vorstellung, warum Magris hier zu melancholischen Tiefen gereift. Doch noch ein würdiger Abschluss des Ungarnteils. Hier ist Magris den Ungarn quasi zu Leibe gerückt.
III Balkan
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts retuschierte man auf Bulgariens Karten weiße Flecken. Als der Forschungsreisende Guillaume Lejean, der auch den Blauen und Weißen Nil befuhr, im Jahre 1875 Bulgarien bereiste, waren auf seinem Kartenmaterial „in den Gebieten an der Donau imaginäre Orte“ verzeichnet. Die Orte, die wirklich existierten, wurden weggelassen. Es gab auch Kartographen, die Städte an andere Standorte versetzten, und den Verlauf von Flüssen willkürlich änderten.
Im Kapitel „Unter Lenaus Büste“ schafft es Magris, diverse Autoren sehr liebevoll unter einen Hut zu bringen. In Vršac, z.Zt. als Magris dieses Buch geschrieben hat, war dieser der bedeutendste Ort im jugoslawischen Banat. Heute ist es Serbien. Heute kann man sich nicht mehr im Stadtpark von Vršac auf einer Bank unter Nikolaus Lenaus Büste küssen, wie es in einem Gedicht von Vasko Popa heißt, denn diese Büste befindet sich heute im dortigen Museum. In Vršac ist der ungarische Schriftsteller Ferenc Herczeg geboren, den Magris „ebenso brilliant wie oberflächlich” bezeichnet. Brilliant war er vielleicht, weil z.B in seinem Roman „Die Heiden“ den Kampf verschiedener Völker und Religionen in dieser Gegend aufzeigt, und damit zukunftsweisensend das Problem auch des heutigen Balkan benennt, das Zusammenleben verschiedenster Völkergruppen in einem Land und ihr Bestreben und Mühen, wie man unter solchen Umständen friedlich zusammenleben kann, und wir erinnern uns aus jüngster Geschichte, wie dort das Blut geflossen ist. Schon immer ein explosiver Herd . Herczeg erzählt vom Kampf „zwischen Magyaren und Petschenegen, zwischen dem Kreuz und der heiligen Eiche der Awaren während der Morgendämmerung der ungarischen Geschichte.“ Vasko Popas schrieb zu anfangs auf rumänisch, dann auf serbokratisch.In der jugoslawischen Wojwodina (heute Nordserbien, vor 1920 noch zu Ungarn gehörig), so legte man, 1974 in der Verfassung fest, leben fünf große Völkergruppen zusammen: Serben, Ungarn, Slowaken, Rumänen und Ruthenen, doch, so ergänzt Magris, es gibt dort auch Deutsche, Bulgaren Zigeuner, Bunjewatzen und Schokatzen….und gerade hier zeigt sich, wie kompliziert die Geschichte des Balkans ist. Wo kommen die verschiedenen Völker her, wie und warum wurden Staatsgrenzen geändert? Diese Fragen kann uns nur eine Geschichte des Balkans beantworten. Doch kommen wir nun zu Lenau zurück, dem österreichischen Dichter, der im rumänischen Banat bei Timişoara geboren und „ungarische und slowakische Vorfahren besaß.“ Um ihn ein mikriger Kleinkrieg: Magris schreibt über Adam Müller-Guttenbrunn, dem Verfechter der deutschen Kultur im Banat, der sich im Jahre 1911 dagegen wehrte, als sich die Ungarn den Lenau vereinnamen wollten, ihn Miklós Lenau nennen wollten, einen ungarischen Dichter, der deutsch schreibt. Im Lenau Kapitel streifen wir auch Milo Dor, der in seinem Roman „Nichts als Erinnerung“ eine melancholische Trägheit beschreibt, die der Melancholie Lenaus sehr nahe kommt, dem Lyriker der Einsamkeit, des seelischen Leidens und des Weltschmerzes.
Dein gedenkend irr’ ich einsam
Diesen Strom entlang;
Könnten lauschen wir gemeinsam
Seinen Wellenklang!
(Nikolaus Lenau, aus „Das Mondlicht“ )
Auf den bulgarischen Erzähler Jordan Raditschkow wirft Claudio Magris einen so herzlichen Blick, dass ich mich schon umgeschaut habe, welche Werke es in deutscher Übersetzung gibt. Raditschkow, „der Sänger von Tscherkaski“, der die in Bulgarien aussterbende Dorfkultur in seinen Erzählungen erhalten hat. Auf den ersten Blick ist der Bulgare ein Pendant zum ungarischen Schriftsteller Zsigmond Móricz (1879-1942), der auf wirklichkeitsnahe Weise vom ungarischen Dorfleben erzählt (ein repräsentativer Erzählband ist „Die Engel von Kiserdö“, Aufbau-Verlag, 1971). Nach dem zu urteilen, was Magris schreibt, scheint Raditschkow aber kein Realist zu sein:
“Geschichten, die von Mund zu Mund gehen, die man erfindet, um sich weitschweifig über das Leben zu ergehen…Lügen, die jeder seinen Gevattern erzählt, bis er schließlich selbst Stein und Bein schwört, daß es die reine Wahrheit sei.”
In Ruse, was einmal Rutschuk hieß, ist Elias Canetti geboren, eine Stadt mit ockergelben Handelshäusern aus dem 19. Jahrhundert, herschaftlichen Parkanlagen und Häusern aus dem Fin de siècle. Zwischen den zwei Weltkriegen war Ruse die reichste Stadt Bulgariens. Claudio Magris führt uns in Canettis Geburthaus, Canetti „der mit unvergleichlicher Kraft den Wahnsinn unserer Epoche – der jeden Blick auf diese Welt trübt, blendet oder entstellt – erfassen und darstellen sollte.“
Im Kapitel „Auf dem Weg des Bösen“ versucht Magris sich der Mentalität und dem Ursprung der Rumänen zu nähern. Was den Ursprung der Rumänen betrifft, fällt ein weiser Entschluss, jede Genealogie ginge auf den Urknall zurück, und schon lösen sich ideologische Streitereien auf. Hinzugefügt sei, Ceauşescu erhob die Dako-romanische Kontinuitätstheorie, die besagt, das rumänische Volk und auch ihre Sprache entstamme aus dem Zusammenschluss der dakischen und romanischen Bevölkerung in der Provinz Dacia (das heutige Siebenbürgen und Banat), zum Dogma, mit dem Ziel, festzustellen, nur die Rumänen haben Anspruch auf dieses Land und die Rumänen waren eben vor den Ungarn dort. Kein Wunder, dass der Dikator Minderheiten schikaniert hat. Im Grunde genommen egal, ob diese oder die Migrationstheorie, nach der die Ungarn zuerst dort waren, stimmt. Egal, lieber gehen wir zum Urknall zurück und Magris weist auf Curtius, der gesagt hat: „Die Geschichte kennt keines Volkes Anfänge.“ Der rumänische Historiker Constantin C. Giurescu (mit Dinu C. Giurescu) schreibt in seiner „Geschichte der Rumänen“ von den Forschungen des Professors I. I. Russu aus Cluj, der in 160 rumänischen Wörtern einen geto-dakischen Ursprung entdeckt haben will. (Claudio Magris hat „Die illustrierte Geschichte des rumänischen Volkes“ von Dinu C.Giurescu gelesen).
Etwas verwirrend, obwohl es stimmen mag, sind Antonescus ( rum. Ministerpräsident, Diktator 1940-1944) Versuche, die Nazis zu überzeugen, „daß die Juden ohnehin im Land blieben, und nicht entweichen könnten, weshalb man auch das Ende des Krieges abwarten könne, um dann zu sehen, was mit ihnen geschehen solle.“ Die Wiesel-Kommission hat 2004 einen Bericht vorgelegt, in dem es heißt, es seien mehr als 300000 Juden ermordet worden und über 20 000 Roma (siehe Quelle wikipedia ).
Der Bărăgan ist eine Steppe im Südosten Rumäniens. Unter dem Regime Antonescus wurden dorthin Zigeuner deportiert. Zaharia Stancu (1902–1974) hat in einem Roman (“Solange das Feuer brennt“) „diesem Exodus …ein Denkmal gesetzt”. Bei dieser Gelegenheit erwähnt Magris u.a. auch Pannait Istrati ( 1884-1935) dessen Roman „Die Disteln des Bărăgan“ ich gelesen habe, darin sich Istrati an seine Heimat erinnert und seinen Roman den im Bauernaufstand von1907 getöteten Bauern gewidmet hat, ein Aufstand gegen die Bojaren (Großgrubndbesitzer), die die Bauern hungern ließen. Zaharia Stancu widmete sich diesem Thema in seinem Roman „ Hunde…“. Übrigens, der Roman über den Bauernaufstand, der in Rumänien zum Thema zuerst genannt wird ist „Der Aufstand“ von Liviu Rebreanu.
Hier in dieser Gegend ahnt man das Ende der Donau, und wir kommen aus dem üblichen geograhischen Gefüge, wenn wir uns vorstellen, wie ein Fluss auszusehen hat, hinaus, denn irgendwann „verschmilzt die Donau mit den Wiesen zu einem großen unentwirrbaren Wasserdschungel.” Bei Brăila, dort wo Istrati geboren ward, fließen zwei Donaustränge wieder zusammen, die zuvor eine 60 Kilometer lange Insel umflossen haben. Im Delta teilt sich die Donau wieder in verschiedene Haupt-und Nebenstränge, man könnt’ sich quasi mit einem Schiff darin verlieren, und irgendwann stehen wir vor der Frage, wo die Donau denn nun ins Schwarze Meer fließt. Doch das lassen wir lieber Claudio Magris erzählen, der wunderbar über das Ende der Donau zu erzählen weiß.
Fazit
Es wird dem Leser aufgefallen sein, dass ich kein Wort über Budapest verloren habe. Mich haben diese Kapitel inhaltlich kaum angesprochen, auch genervt wegen hochgekünstelt nichtssagender Schwafelei:
“Auch heute noch betritt der Flaneuer diese Archäologie von Glanz und Dunkelheit, die Verknüpfung von Stärke und Illusion, von hinreißender Poesie und pompöser Poetisierung der prosaischen Welt.”
Ich war dreimal in Budapest und verstehe nicht, warum man so gedehnt nichtssagend über diese Stadt was sagen kann. Warum Magris als Literaturwissenschaftler den Literatenkreis Nyugat ignoriert, ist nicht zu begreifen, und so ein schönes Café wie das Café New York in Budapest, habe ich selbst in Wien nicht gesehen. Dort trafen sich die großen Budapester Literaten. Thomas Mann war auch mal dort. Was die Künste in Ungarn betrifft, so sind die Ungarn besonders in der Literatur stark. In Deutschland kennen wir nur einiges (es gibt viel mehr als Márai
). Antiquarisch findet man vieles in älteren DDR-Ausgaben.
Ich halte es für völlig legitim, uninteressante Kapitel zu ignorien. Trotzdem ist das Buch unbedingt weiterzuempfehlen, weil es genügend interessantes zu bieten hat, außerdem, mit ansprechenden Literaturhinweisen angefüllt, lädt uns das Donaubuch in neue Romanwelten ein.
FINE
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Norman. G. Finkelstein: Die Holocaust-Industrie
17.9.2011 von mArtinus.
Norman G. Finkelstein will in diesem Buch darlegen, daß “DER HOLOCAUST” eine von Ideologie geprägte Darstellung der Massenvernichtung der Juden durch die Nazis ist. Finkelstein benutzt hier den Begriff HOLOCAUST für die „Holocaust-Industrie“, die aus dem Andenken der Naziverbrechen Geld macht und für Israel und die Juden in Amerika Vorteile herausschlägt. Für Finkelstein ist Elie Wiesel „offizieller Interpret DES HOLOCAUST …, weil er unbeirrbar die Dogmen DES HOLOCAUST artikuliert, und so die Interessen stützt, die hinter diesem stehen”. Die Dogmen der „Holocaust-Industrie“ lauten:
“(1)DER HOLOCAUST stellt ein absolut einzigartiges Ereignis der Geschichte dar; (2) DER HOLOCAUST steht für den Höhepunkt eines irrationalen ewigen Hasses der Nichtjuden gegenüber den Juden.”
Wenn darauf gepocht wird, die „Massenvernichtung der Juden durch die Nazis“ sei einzigartig gewesen, dann fallen Israel und die amerikanischen Juden unweigerlich in einen Opferstatus, daraus die Betroffenen Vorteile ziehen: Sie sind gegenüber Kritik immun, und wenn man Kritik übt, läuft man in Gefahr, in die antisemitische Ecke gedrückt zu werden. Das dritte Dogma ist der ewige Judenhass von Nichtjuden. Darum müssen Juden sich schützen, deshalb der Staat Israel geschaffen wurde.
“Nachdem die Nichtjuden ständig darauf aus sind, Juden zu ermorden, haben die Juden das uneingeschränkte Recht, sich zu schützen, wie es ihnen beliebt. Auf welche Mittel die Juden auch immer zurückgreifen mögen, selbst Aggression und Folter, sie stellen eine legitime Selbstverteidigung dar.”
Es ist eine Pauschalverurteilung zu sagen, Nichtjuden seien Judenhasser. Hier setzt auch Norman G. Finkelsteins Kritik zu Daniel Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“ ein, darin behauptet wird, der Antisemitismus sei bei den Nichtjuden im „Kopf zu Hause“ gewesen. Das deutsche Volk sei vom pathologischen Judenhass gewesen, Hitler habe den Deutschen Gelegenheit gegeben, sich auf die Juden zu stürzen (eine ausführliche Kritik Finkelsteins zum Buch von Daniel Goldhagen findet man in bei Norman G. Finkelstein/ Ruth Bettina Birn „Eine Nation auf dem Prüfstand“).
Der Holocaust mag einzigartig sein. „Auf der allgemeinsten Stufe ist jedes geschichtliche Ereignis einzigartig, und sei es nur, weil es zeitlich und räumlich festgelegt ist“, sagt Finkelstein. Außerdem ist ein geschichtliches Ereignis nicht wiederholbar. Aufgrund dieser Überlegungen gibt es keinen Grund, den Holocaust als besonders einzigartig hervorzuheben, aber die Juden wollen natürlich nicht ihren besonderen Opferstatus verlieren. Elie Wiesel sagt, der Holocaust sei nicht erklärbar. Wie soll mir ein Mensch erklären, dass ich es auch wirklich begreifen kann, warum Blauhelme beim Massaker von Srebrenica zugeschaut haben, warum ein hochentwickeltes Land wie die USA Atombomben auf Japan geworfen hat? Elie Wiesel betont gerne den besonderen Opferstatus der Juden und hat mit Yehuda Bauer vom Yad Vashem während der Planungsphase des Holocaust-Museums in Washington dafür gesorgt, dass der Genozid an den Sinti und Roma in den Hintergrund verdrängt werden soll. Die jüdische Elite glaubt wirklich, die Juden allein seien schon besonders einzigartig. Übrigens verhinderten jüdische Lobbyisten im Kongreß einen Gedenktag für den armenischen Genozid. Die USA hat das Problem, sich intensiv um die Erinnerung an den Holocaust zu erinnern, aber die Aufarbeitung eigener Menschheitsverbrechen, begonnen bei den Indianern, zu verdrängen.
ES GEHT UM GELD
Kommen wir zum vielleicht moralisch verwerflichsten überhaupt. Wie kassiere ich doppelt ab? Der Einsatz von Erpressung als Druckmittel. Die Entschädigungen kommen nur sehr gering an die Überlebenden des Holocaust an. Wundersam erscheint die plötzliche Vermehrung der Überlebenden, um noch mehr Geld einzustreichen. Die Geldeintreibungsmaschinerie amerikanisch jüdischer Organisation kennt keine Skrupel und ist umso schäbiger, weil dieser Wahn nach Geld auf Kosten derer geht, die Konzentrationslager überlebt haben.
Der Jüdische Weltkongress (WJC) erpresste Schweizer Banken, die viele Millionen Dollars von Juden vor und während des Krieges auf Konten deponiert hatten. !995 startete der WJC unter seinem Präsidenten Edgar Bronfman eine „schamlose Diffamierungskampagne“ , die ziemlich schnell „zu einer Verleumdung der Schweizer“ verkam. Elan Steinberg, geschäftsführender Direktor des WJC war beauftragt Desinformationen in die Welt zu setzen, Banken unter Druck zu setzen, damit die dem Jüdischen Weltkongress die vielen Millionen Dollars herausrückten. Leo Bower, auf dessen Buch „Das Gold der Juden“ sich Finkelstein bezieht, schrieb, dass „sein Land, dessen Bürger…sich…vor ihren Nachbarn ihres beneidenswerten Wohlstands gerühmt haben, sich ganz bewußt am Gold der Juden bereichert hat…die stillen Bankiers…aus der schönen, sauberen und neutralen Schweiz…gewissenlose Profiteure“ gewesen sein usw. Solche und andere Gerüchte streute der Jüdische Weltkongress in die Schweiz, als Krönung den Schweizern „eine fünfzig Jahre dauernde Verschwörung von Schweizern und Nazis“ unterstellte, „um von den europäischen Juden und Überlebenden des Holocaust Milliarden zu stehlen.“ (Bower in Finkelstein, Seite 99). Noch steigerungsfähig in Sachen Unmoral, griff der Jüdische Weltkongress zur moralichen Erpessung , in dem er den Banken vorjammerte, die Zeit liefe davon, man gräme sich des Elends bedürftiger Überlebender, zahlt endlich…und so weiter und so fort. Eine üble Masche, die Finkelstein ausführlich weitererzählt, ich nur einen kleinen Vorgeschmack davon geben kann Doch was machte die Holocaust-Industrie mit dem erpressten Geld? I Es wurde für den Eigenbedarf jüdischen Lebens verwendet, und die meisten Überlebenden schauten ins leere Portemonnaie. Um noch mehr Geld abzwacken zu können wurde herumgetrickst. Es wurde neu definiert, was ein Holocaust-Überlebender ist, und schon gab es noch viel mehr Überlebende als vorher, für die man Entschädigungsgelder einkassierte.. Der Beutezug ging weiter nach Deutschland, Österreich, Osteuropa. Ein Geldraub, der seinesgleichen sucht.
Fazit:
Was in dem Buch von Finkelstein zu kurz gekommen ist, sind die inneren Verflechtungen zwischen USA und Israel. Finkelstein komprimiert:
“Die organisierten Juden Amerikas haben den Massenmord der Nazis ausgebeutet, um Kritik an Israel und an ihrer eigenen unhaltbaren Politik abzuwehren”.
Die zweite Schwäche des Buches liegt in Finkelsteins Versuch darzulegen, dass die Holocaust-Industrie nach dem israelischen Krieg 1967 eingesetzte habe. Hier fehlt die Stringenz eines Historikers, der Finkelstein auch nicht ist, um dem Leser historische Vorgänge verständlich zu machen. Die Quellenlage ist in diesem ersten Kapitel auch nicht so doll. Danach, ab dem zweiten Kapitel, legt der Autor so richtig los und wird glaubwürdig. Alle Kritik, die für das erste Kapitel noch gegolten hat, löst sich auf, sodass das Buch zu einer lohnenswerten Lektüre wird.
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Johannes Willms: Stendhal
17.9.2011 von mArtinus.
Knapp über die Hälfte der Biografie hinausgekommen mausert sich diese Biografie zu einem Zeugnis eines Menschen, der von einer Frau zur nächsten geht, ähnlich wie Fabrizio in der Kartause. In der ersten Hälfte der Biografie sich noch nicht abzeichnet, dass Stendhal ein großer Schriftsteller werden wird, er nur ein Frauenjäger, ein Mensch, dem sein übermäßiger Geschlechtstrieb eigentlich schon zur Last geworden sein muss, der seinen Trieb sofort befriedigen muss, sich gleich verlieben muss, wenn ihm eine schöne Frau unter die Augen kommt, ich mich schon ernsthaft fragen muss, ob das nicht einfach nur Sexsucht ist. Es ist wahrlich nicht übertrieben, wenn ich sage, auf (fast) jeder Buchseite gehe es um Frauen in Stendhals Leben. Korrektur: Nach der Lektüre wird es dem Leser so erscheinen, als ob….
Unter anderem in den Œuvres intimes, seinen Tagebüchern, schrieb Stendhal über seine Frauengeschichten. Was Stendhal dort loslässt geht teilweise an jugendfrei vorbei. Was mir tatsächlich in den Kopf schoss war, Stendhal hätte ein gehobener pornographischer Schriftsteller werden können. Was soll ein Biograf wie Johannes Willms schon machen, wenn so ein Tagebuch (offensichtlich) voll von Liebeleien ist. Er schreibt darüber, natürlich, und was Willms gut hinbekommen hat, ist, Stendhals Psyche in Bezug auf den Eros zu durchleuchten. Das ist eine wesentliche Leistung dieser Biografie.
Ein wenig pausiert das Frauenthema, wenn Stendhal mit Napoleon gen Russland zieht (logisch). Stendhal ist ein Beispiel dafür, wie ein Mann vom Geschlechtstrieb geknebelt werden kann, seine große Liebe aber niemals finden wird. Stendhal war niemals verheiratet. Eine Frau war erobert, und schon verlor er wieder Interesse. Fabrizio erging es auch so. Nur eine Frau liebte er über Jahre hinweg: Victorine Mounier (na,ja, in Mailand gab es auch eine langjährige unerfüllte Liebe, davon später). Sie zeigte ihm nur die kalte Schulter, er bekam sie nie. Sie war Stendhals Dulcinea, die ewige Liebe, der er nachträumte, die unerreichbar blieb.
Zitat von Stendhal
Ich habe sie sehr geliebt, auch wenn ich ihr nur siebenmal in meinem Leben begegnet bin. Alle anderen Leidenschaften waren nur ein Wiederschein von dieser.
(Correspondance générale I,60; in Willms Seite 60/61)
„Es ist“, so formuliert Johannes Willms treffend
Zitat von Johannes Willms
völlig gleichgültig, dass Victorine vermutlich nicht entfernt jenem Idealbild entsprach, das er sich machte. Sie diente ihm wie andere Frauen lediglich als Projektionsfläche, als beliebiges Gefäß seiner Träume von vollkommener Liebe, von wunschlosem Glück. Stendhals enttäuschte, nicht erhörte Passion für Victorine Mounier liefert das Grundmuster für das Leiden an der Liebe, das seinem Leben den eigentümlichen Sinn geben sollte.
(Willms, Seite 68)
Stendhal war ein Träumer, zumindest in seinen jungen Jahren. Er verschlang viele Bücher, auch solche, die der Jugend nicht zugänglich sein sollten und erlag dem Wahn, die Literatur mit der Realität zu verwechseln. Als er erstmals in Paris war, glaubte er allen Ernstes, er könne die Pariser Szene „als ein Valmont aus den >Liaisions dangereuses<…betreten.” (Willms, Seite 40)
Zitat von Stendhal
Ich kenne die Menschen nur aus den Büchern und es gibt Leidenschaften, von denen ich nirgendwo sonst Kenntnis erhalten habe.
(Pensées, Filosofia nova, in Willms, Seite 59; )
In den Œuvres intimes I 180, bekennt Stendhal, er habe, bevor er Victorine nach drei Jahren erstmals wiedersah, genau vorgestellt wie seine Erwartungen von Glück sein werden, die er sich während der drei Jahre ausgemalt hatte, und als er sie sah, realisierten sich seine Erwartungen. Johannes Willms schreibt (Seite 65/67), er sei noch von dem ihn verehrten Rosseau beeinflusst gewesen, der in Les Confessiones seine Begegnung mit Madame d’ Houdetot ähnlich geschildert hat.
Als ich las, Stendhal habe in Romanen das reale Leben erblicken wollen, musste ich daran denken, wie der Franzose aus Renaissance-Geschichten seinen letzten großen Roman gestaltete. Er schrieb Die Kartause von Parma mit einem Fuß in der Renaissance weilend, obwohl die Handlung des Romans zu Anfang des 19. Jahrhunderts zu setzen ist. Hier mag sich Stendhals Träumerei in wunderbarer Weise in einem Roman gespiegelt haben, oder die Romantik. Als im Jahre 1800 Napoleon den St. Bernhard Pass in Richtung Oberitalien überschritt, war Stendhal als Hilfsarbeiter im Truppenverwaltungsdienst dabei und „träumte sich wieder in die Rolle eines strahlenden Helden von Ariost“(Willms, Seite 45), genauso wie es Fabrizio in der Kartause bei Waterloo getan hatte. In Italien lernte Stendhal die Musik Cimarosas kennen und lieben. Julien Sorel bricht im Roman „Rot und Schwarz“ in Tränen aus, als er eine Arie Cimarosas vernimmt, und in der Kartause verliebt sich Fabrizio bei Cimarosas Klängen in Clelia (vgl. Willms, Seite 48) Es macht mir Spaß zu entdecken, was die Romane über Stendhal selbst erzählen.
Stendhal war sehr ehrgeizig und wollte unter Napoleon zum Kriegskommissar aufsteigen, war aber auf seiner Reise nach Deutschland im Jahre 1806 dem Kriegskommissar nur als Stellvertreter zugeteilt. Die Bürokratie langweilte ihm schließlich dann doch, er wollte in die Schlacht. Stendhal schien aber nicht wirklich der Typ eines heldenhaften Soldaten zu sein, waren doch diese Ziele dadurch vergällt worden, weil er den Auftrag bekam, Pferde-und andere Tierkadaver von den Straßen zu befreien. Auf einer Reise durch Süddeutschland sah er grausame Restbestände des Krieges: Tierkadaver, Uniformstücke und Helme bei Landshut. Der Anblick übel zugerichteter Soldatenleichen gaben ihm den Rest. In Wien ging es ihm besser, er begegnete wieder schönen Frauen (vgl. Wilms Seite 102/103). Den Russlandfeldzug 1812 hatte er allerdings noch vor sich.
Stendhals große Liebe war selbstverständlich Italien, vielleicht letzendlich doch besser so. Was sollte er als Kriegsminister? Ich frage mich, ob die Liebe zu Italien ihm diesen Ehrgeiz doch genommen hat, als Beamter des Krieges Schlachten zu verwalten (was immer so einer mit so einem Job auch tun muss). Die Œuvres intimes legen auch Zeugnis von seiner großen Liebe zu Italien ab. Italien bedeutete ihm alles, es habe seinen Charakter geprägt, er verbrachte dort seine süßen Jugendjahre,usw schrieb er (vgl. Willms, Seite 134) und wird dort etwa ein Drittel seines Lebens verbringen. Was für ein Gegensatz zum Krieg, dem er sich mal mit Leib und Seele verschreiben wollte.
Aus dem Russlandfeldzug schrieb er:
Zitat von Stendhal
Kannst du dir vorstellen (….), dass ich kurz davor bin, loszuheulen? In diesem Ozean der Barberei ist kein Ton zu vernehmen, der mir zum Herzen klingt. Alles hier erscheint der Physis wie der Moral als grobschlächtig und stinkend.
(Correspondance générale II, 352, Willms, Seite 149)
Bleibe er lieber in Italien, wo sein Herz erklingt.
Nach der Ära Napoleons I. geht es darum, wie Stendhal nach Bonaparte finanziell überleben kann, es folgen einige unerfüllte Liebesbeziehungen, die Stendhal in seine schlimmste Krise stürzten: Selbstmordgedanken, vier Jahre Keuschheit. Es erfolgt auch der Aufstieg zum angesehenen Schriftsteller, mit dem Schreiben er so manches Liebesleid überwinden konnte. Weiterhin die unerfüllte Liebe zur Mailänderin Métilde Dembowski. Die Folgen waren besonders tragisch. Dieses war wirklich Liebe, die völlig unerwartet in Stendhals Leben fiel, keine Liebelei, keine Abenteuerei wie in seinen jungen Jahren, Métildes Abweisung Stendhal in eine bisher nie dagewesene Sinnkrise führte. Vielleicht sah Stendhal in Métilde seine letzte Chance, die große Liebe zu begegnen. Métilde, damals 28 Jahr alt, hatte zwei Kinder und war geschieden. Einmal reiste er ihr durch mehrere italienische Städte hinterher, nur um sie zu sehen. Doch das hatte furchtbare Folgen. Stendhal wurde, Johannes Willms vermutet, von Métildes ehemaligem Gatten, dem General Dembowski, denunziert. Er wurde verdächtigt, ein Spion der französischen Regierung zu sein, ein gefährlicher Liberaler. Sogar Fürst Metternich soll seine Hand im Spiel gehabt haben, sodass er Mailand für immer verlassen musste, dem Metternich Jahre später noch seinen Tod wünschte. Noch zehn Jahre später, klagte er über den Verlust, Mailand den Rücken gekehrt haben zu müssen. Als Stendhal aus Mailand floh, er ging schon auf die vierzig zu, hatte er, so darf ich wohl sagen, sein Leben fast verloren. „Mehr und mehr versank er in einer Depression die ihn, bezeichnend für sein Empfinden des Versagens, davon abhielt, frühere Kontakte in Paris neu zu knüpfen“, so Johannes Willms auf Seite 191.
Trotzdem fällt doch auf, Stendhal ist schon um die vierzig. Was ist denn nun mit dem Schriftsteller Stendhal? Er hat sehr spät angefangen. Ursprünglich wollte er Dramen schreiben. Im Nachhall der Liebe zu Métilde veröffentlichte er 1822 sein Buch „Über die Liebe“, darin es mehr oder weniger um seine Liebesleiden geht, zum Romandebut „Armance“ dauerte es noch fünf Jahre. Wie für Balzac war auch für Stendhal der Journalismus eine Fingerübung, die schließlich zu den Romanen führte. Ein wenig unrühmlich begann Stendhals Weg als Schriftsteller mit Plagiaten. An seinem ersten erfolgreichen Roman „Rot und Schwarz“ wurde u.a. der völlig neuartige Stil gelobt.
Zum Ende hin, schwenken wir den Blick auf die Biografie an sich. Merkwürdig, Willms klammert Stendhals Interesse für die Archäologie gänzlich aus und der aufmerksame Leser darf sich fragen, was aus seinem Interesse an der Mathematik geworden ist, die ihm ja von Jugend her begeistert hat. Ich sonst von dieser Biografie sehr angetan bin, die in den Anmerkungen auf 793 Quellen, meist Primärquellen, verweist, beim Lesen dieser Biografie ich aber nie den Eindruck hatte, der Autor zitiere zu viel und schreibe zu wenig. Nein. In dieser Hinsicht ist das Buch sehr ausgewogen, und Johannes Willms zeichnet das Leben eines Liebenden und eines Schriftstellers sehr detailliert nach, der als Beamter große Karriere machen wollte, aber nur Konsul in einem kleinen langweiligen italienischen Städtchen wurde. Selbstverständlich fällt es auf, Johannes Willms schreibe nursehr wenig über die Romane, dabei aber zu bedenken ist, es handelt sich um eine Biografie und nicht um eine Werkanalyse. Klar geworden allerdings ist, Stendhal verewigte einige Frauen seines Lebens in den Romanen. Über “Die Kartause von Parma“ heißt es, der Roman sei „…die Summe all seiner Leidens – und Glückserfahrung in der Liebe…“. Die Chartreuse sei „insofern recht eigentlich das >Buch Stendhal<.“ (Willms, Seite 281).
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